08.02.2020
Dr. Christian Naser - Kandidatenvorstellung

Ich arbeite seit 1987 an der Universität Würzburg am Institut für deutsche Philologie. Mein Zuständigkeitsbereich sind die EDV-Belange der dort angesiedelten Forschungsprojekte.

Die Besonderheit des Altortes hatte meine Familie bereits 1985 nach Zell geführt. Daß in Zell unter unansehnlichen Fassaden oft Schmuckstücke verborgen sind, zeigte sich auch bei der 1990 beginnenden Renovierung der von uns bewohnten Hauptstraße 86 am sogenannten Kelterhofplatz.

Daß wir in Zell Kulturgüter von überregionaler Bedeutung haben, versuche ich zunächst durch politisches Engagement – so kandidierte ich 1988 als Gründungsmitglied auf der Liste der „Zeller Altortfreunde“ – und vor allem durch meine Arbeit in Arbeitskreisen zu vermitteln.

Besonders engagiert war ich in den letzten Jahren im Arbeitskreis Kultur und – als Gründungsmitglied und bis 2016 auch im Vorstand – im Arbeitskreis Wasser - Architektur – Geschichte (WAG).

Darüber hinaus versuchte ich durch Vorträge, Führungen und Publikationen wie „Das vergessene Schloß. Balthasar Neumanns Weinhändlerpalais in Zell“ den Stellenwert und die Qualität des Ortes zu vermitteln.

Hauptmotivation meiner Arbeit war und ist es die Lebenssituation der Menschen im Zeller Altort zu verbessern und die bedrohten Kulturgüter in diesem Bereich zu retten. Besonders betrüblich war es deshalb, daß die im Jahr 2003 initiierte Altortsanierung in Zell ab 2009 weitgehend zum Erliegen gekommen ist.

Für die bedrängenden Probleme des Zeller Altorts gibt es kein Konzept, keinen Lösungsansatz. Seit Jahrzehnten werden Gutachten erstellt, um dann wieder in der Schublade zu verschwinden. Diese Hilflosigkeit hat aber fatale Folgen. Nicht handeln führt - wie bei einem offenen Dach - zu weiteren Schäden, die ab einem gewissen Punkt irreparabel sind. Der Zeitpunkt ist nahe, zu dem das letzte Geschäft im Zeller Altort schließt. Der Zerfall der Bausubstanz, der zunehmende Leerstand – 17 Gebäude stehen im Altort leer, nicht wie von der Gemeinde propagiert 7 im Gesamtort – und die Verkehrsproblematik lassen den Ort - trotz der vorhandenen beeindruckenden Bausubstanz - in zunehmendem Ausmaß unattraktiv erscheinen. In immer weniger Häusern wohnen die Besitzer. In den Mietobjekten beschränken sich die Investitionen in der Regel auf das Notwendigste. Dies setzt eine Negativspirale in Gang, die ab einem gewissen Punkt nicht mehr umkehrbar ist. Der Zusammenbruch der Strukturen kann dann auch durch Förderprogramme nicht mehr rückgängig gemacht werden. Denn die Träger von derartigen Maßnahmen sind die engagierten Bürger eines Ortes. Sind diese abgewandert oder haben resigniert, gibt es für die Förderprogramme keine Umsetzungsmöglichkeit mehr.

Daß wir in Zell Kulturgüter von überregionaler Bedeutung besitzen, versuche ich zu vermitteln. Ich habe immer noch die Hoffnung, daß meine Forschungsergebnisse Anlaß sein könnten, sich des kulturellen Reichtums, den der Zeller Altort bietet, bewußt zu werden und dieses ungeschöpfte Potential für die positive Entwicklung Gesamtzells nutzbar zu machen. Auf der Internetseite der Zeller Mitte sind Konzepte bezüglich der Entwicklung, Präsentation und Förderung des historischen Erbes Zells skizziert.

Daß dies funktioniert, zeigen Gemeinwesen wie Eibelstadt, Iphofen,  Randersacker, Sommerhausen, oder benachbarte Gemeinden wie Thüngersheim oder Margetshöchheim. Die positive Entwicklung im Altortbereich hat dort die Attraktivität des gesamten Ortes gesteigert. Dies drückt sich zum Beispiel auch im Preisniveau in den Neubaugebieten aus. Sein kulturelles Erbe zu bewahren und in das historische Zentrum zu investieren, kann sich also durchaus rechnen. Eine der wenigen Gelegenheiten, die positiven Seiten des Zeller Altortes darzustellen, ist die alle zwei Jahre stattfindende Kulturmeile. Die gesperrte Hauptstraße, die geschmückten Häuser und das Engagement der Bürger lassen das Potential erahnen. Danach geht man wieder zur Tagesordnung über, in der Regel für die nächsten zwei Jahre.

Der Altort wurde von den politischen Entscheidungsträgern in Zell meistens als Problem, als Belastung, leider selten als Bereicherung gesehen. Dies kumuliert in der Meinung: Ein Ort könne auch ohne Altort leben, so ein Zeller Gemeinderat, als ich ihn auf die schwierige Situation im Ortszentrum aufmerksam machte. Das mag kurzfristig funktionieren, ist aber meiner Meinung nach ein Zeichen der Konzept- und Ratlosigkeit, wie auch der sozialen Kälte. Denn jedes Gemeinwesen ist so stark wie ihr schwächstes Glied. Wie stark ist eine Gemeinde, wenn Ihr schwächstes Glied aufgeben wird?

Die nicht vorhandene Resonanz der politischen Organe der Gemeinde Zell auf die Not des Altortes ist deswegen in mehrfacher Hinsicht betrüblich, weil sie einerseits Ausdruck des politischen Desinteresses an Kulturgütern und Menschen in diesem Bereich ist, andererseits die Entwicklungsmöglichkeiten des Gesamtortes nicht ausschöpft. Dies ist nicht nur für Zell bedauerlich. Denn das Zeller Schloß und die Weinhändlerpalais stellen ein Ensemble von überregionaler Bedeutung dar und könnten für Franken Leuchtturmcharakter haben.

Darüber hinaus erfüllt man mit der Renovierung historischer Gebäude die Forderungen nach Nachhaltigkeit, Schonen von Ressourcen, Reduzierung von Flächenverbrauch und ökologischem Bauen. Der vollzogene und geplante Flächenverbrauch in Zell, die Einstellung der Altortsanierung unter der jetzigen Gemeindeführung und die Verantwortung für das historische Erbe Zells sind die Hauptgründe für mein politisches Engagement.

Danke für Ihre Aufmerksamkeit